Thomas Luthardt: „Mein Vater ist Tänzer“

Anja freut sich, ihr Vati nimmt sie mit in das Opernhaus. Hier arbeitet er als Tänzer. Auf der Bühne sah Anja ihn als Wolf im Ballett „Peter und der Wolf“. Schon lange wollte sie wissen, wie er sich in den Wolf verwandeln, so hoch springen und sich so rasch drehen kann. Das Theater betreten sie heute nicht durch den Haupteingang, sondern durch eine Tür an der Seite. Bei der Pförtnerin treffen sie eine Kollegin von Vati. Beide holen ihre Schlüssel für ihre Garderoben ab. Nach einem langen Weg an vielen Türen vorbei schließt Vati seine Garderobe auf. In diesem Raum zieht er sich um und bereitet sich auf seine Arbeit vor. Manchmal, wenn er sehr erschöpft ist, ruht er sich hier auch nach der Probe oder der Vorstellung etwas aus. Anja weiß schon, dass Vatis Beruf schwere Arbeit ist. Dennoch liebt er ihn sehr. Mit zehn Jahren begann er an der Ballettschule. Und acht Jahre später am Theater. Inzwischen ist er hier Solotänzer. Im Trainingstrikot geht Vati in den Ballettsaal mit dem großen Spiegel und den Holzstangen an den Wänden. Zuerst werden die Sohlen der Ballettschuhe mit Kolophonium abgestumpft. Dann beginnt das Training. Das ist nötig, um die Muskeln zu kräftigen und Körperhaltungen immer wieder zu üben. Der Trainingsmeister korrigiert, wenn etwas nicht gelingt. Alle Tänzer kontrollieren sich auch selbst in dem großen Spiegel. Anja probiert die leichten Tanzschuhe: auf Zehenspitzen stehen ist schwer und tut weh. Nach kurzer Pause wird mitten im Saal weitertrainiert. Dann folgt die tägliche Probenarbeit. Auch am Abend wird geprobt, wenn keine Vorstellung stattfindet. Heute wird „Peter und der Wolf“ aufgeführt. Vati ist wieder der Wolf und probt mit Peter, dem Jäger und dem Vogel einige Szenen. Anja darf Peter helfen, den gefangenen Wolf festzuhalten. Viel Fleiß und Arbeit sind nötig, damit in der Vorstellung alles leicht und scheinbar mühelos gelingt. Jetzt wird es Zeit, sich für die Vorstellung fertigzumachen. In der Garderobe schminkt sich Vati, und Anja hilft ihm, die Wolfsmaske aufzusetzen. Dann schlüpft er in das bereitgelegte Kostüm. Als Anja mit Vati die Hinterbühne betritt, wird gerade die Walddekoration aufgebaut. Und während Vati an der Bühnenseite auf seinen ersten Auftritt wartet, bringt ein Feuerwehrmann Anja rasch in den Zuschauerraum und zu ihrem Platz. Schon öffnet sich der Vorhang. Aufgeregt verfolgt Anja die Geschichte von Peter und seinen Freunden, die gemeinsam den Wolf überlisten und fangen. Erst als der Wolf in den Zoo geführt wird, wo er keinen Schaden mehr anrichten kann, legt sich die Spannung. Anja ist stolz, dass Vati zu ihr hinsieht, als er sich zum Schluss vor dem Vorhang verbeugt und dabei viel Beifall bekommt. Sie klatscht so laut, dass er es ganz bestimmt hören muss.

VEB Postreiter-Verlag, Halle

1. Auflage, 1986

Fotos: Siegfried Prölss

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