Augusto Céspedes: Teufelsmetall

Es ist ein stolzer Augenblick für den Halbindianer Zenón Omonte, als König Alfons XIII. von Spanien ihn, den Emporkömmling, freundschaftlich ans Herz drückt. In unendlich ferner Vergangenheit war er ein barfüßiger Mestizenjunge, der Indiomädchen vergewaltigte, seinen Onkel bestahl und mit Maultieren und anderen Dingen handelte. Als Gehilfe eines Erzaufkäufers in der Stadt Oruro im bolivianischen Hochland lauscht er Erzählungen von märchenhaften Silberfunden, aber die verlassene Grube, die er mit geborgtem Gelde kauft, enthält kein Silber – sie enthält Zinn. An dem Tage, da ein indianischer Häuer in dem halbverfallenen Stollen die reichste Zinnader der Welt anschlägt, beginnt Zenón Omontes legendärer Aufstieg. Geschickt und skrupellos erweitert er seinen Besitz, beseitigt unbequeme Konkurrenten, besticht Gerichte, kauft Minister und Staatspräsidenten, verfeinert die Ausbeutung der Bergarbeiter, gründet Tochterfirmen in anderen Kontinenten, wirft Zinn auf den Markt, Millionen Tonnen Zinn. Von Palästen und Hotelzimmern aus überwacht er grimmig und mißtrauisch alle Vorgänge in seinem Imperium, in dem wie im Reiche Philipps II. die Sonne nicht untergeht. Menschlichen Maßen entwachsen, versteint er in eisiger Einsamkeit – ein Gott des Kapitals, dem wie einst den Göttern der Inkas zahllose Leben geopfert werden.

Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1964

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