Gottfried Herold: Der berühmte Urgroßvater

Sie waren allgegenwärtig in den Kinderzimmern: „Die kleinen Trompeterbücher“. Diese Kinderbuch-Reihe aus dem „Kinderbuchverlag Berlin“ für Leser ab 8 Jahren, erfreute sich großer Beliebtheit. Die Bücher im Format 15 x 10,5 kosteten 1,75 Mark bzw. 2,40 Mark für den Doppelband. Einige wurden sogar verfilmt.

„Der berühmte Urgroßvater“ von Gottfried Herold mit Illustrationen von Bernhard Nast erschien 1961 als Band 19 in der Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“ im „Kinderbuchverlag Berlin“.

Jürgen ist Schüler der 3.Klasse. Das Schuljahr hat gerade begonnen und die Lehrerin erzählt von Arbeitern, die vor Jahrzehnten um mehr Brot für die Kinder gekämpft haben. Als sie Jürgen – der gerade geträumt hat – fragt, ob er wohl wisse, wer Otto Buchwitz ist, antwortet er spontan: „Otto Buchwitz, das ist doch mein Großvater. Pionierehrenwort! Oder mein Urgroßvater.“ Es ist ihm einfach so herausgerutscht. Otto Buchwitz ist ein verdienter Arbeiterführer, den die guten Menschen in der ganzen Welt gern haben. Das weiß auch Jürgen. Otto Buchwitz erhält eine Einladung zu einem Pioniernachmittag, die er annimmt, denn Kindern kann er nichts abschlagen. Jürgen ist erleichtert, dass sein Urgroßvater nicht böse ist, weil er dessen Adresse verraten hat. Am Pioniernachmittag erzählt sein Urgroßvater aus seinem Leben.

Schon als kleiner Junge lauscht er gern, wenn sein Vater Besuch bekommt und die Genossen miteinander reden und diskutieren. Es ist schon dunkel, als der Junge zum ersten Mal seinem Vater und den Genossen helfen darf. Auf den Schultern seines Vaters klebt er Plakate an, auf denen die Arbeiter ihre Rechte einfordern. „Wir wollen, dass jeder Arbeiter seinen gerechten Lohn erhält, damit alle Kinder Kuchen und Schokolade essen können. Verstehst du?“ Otto versteht.

Der zehnjährige Otto hat keinen Vater mehr und die Familie lebt in Armut. Damit die Mutter Brot kaufen kann, verkauft sie Ottos Bett. Vater-Ersatz findet er in den Hafenarbeitern, die ihm immer etwas zu essen geben. Besonders hat es ihm der Hafenarbeiter Goliath angetan, der groß und stark ist, aber ein gutes Herz hat. Eines Tages findet er in seiner Mütze Geld und einen Zettel: ANBEI GELD FÜR EIN NEUES BETT. DU SOLLST GUT SCHLAFEN! Otto gibt der Mutter das Geld und sagt, dass die Hafenarbeiter für ihn gesammelt haben. Er möchte, dass sie Brot, Wurst und Kartoffeln davon kauft. Den Zettel versteckt er. 

Mit 14 Jahren schippt Otto Schnee, dafür muss seine Mutter in solchen Monaten zwei Mark weniger Miete zahlen. Am Weihnachtabend bekommt er eine Einladung von seiner Tante, die sehr reich und sehr gläubig ist. Otto kann dem Glauben nichts abgewinnen, weiß, dass man selbst etwas verändern muss. Bevor er in den Saal gehen darf, bittet ihn die Tante zu sich. Sie stellt ihm einen neuen Anzug und neue Schuhe in Aussicht, wenn er dem Pfarrer dafür ehrfürchtig die Hand küsst. Damit kann Otto leben, weil er weiß, das würde seiner Mutter eine große Last von den Schultern nehmen. Doch als die Tante verlangt, dass er niemanden sagen soll, dass sie miteinander verwandt sind, weiß Otto, dass sie sich ihrer armen Verwandten wegen schämt. Otto verlässt den Saal und kommt ohne Geschenk zurück nach Hause.

Als Schlosserlehrling muss Otto, wie wohl jeder Lehrling seiner Zeit, viel über sich ergehen lassen. Ein Geselle ist ganz besonders brutal. Als ein solcher Streit eskaliert, greift dieser zu einer Eisenstange und will auf Otto einschlagen, aber die anderen Arbeiter halten ihn zurück und machen ihm klar, dass er das in Zukunft lassen soll, weil er ansonsten derjenige ist, der Prügel bezieht. Eine Kammer teilt Otto sich mit einem Fleischergesellen namens Richard, den er letztendlich davon überzeugen kann, auch der Gewerkschaft beizutreten, weil nur Zusammenhalt sie stark macht. Während seiner Wanderjahre trifft er Richard in Dresden wieder und gemeinsam kleben sie heimlich Plakate, auf denen die Arbeiter aufgefordert werden, zur Maidemonstration zu kommen.

Als der 30jährige Otto Buchwitz einen Bürgermeister und einen Polizisten überlistet, werden seine Gegner deutlich auf ihn aufmerksam. Nach der Machtübernahme berufen die Nationalsozialisten eine Versammlung ein, zu der auch Genossen, die von den Arbeitern gewählt worden waren, um sie bei der Regierung zu vertreten, kommen. Vor einer Verhaftung fürchten sie sich noch nicht, da die Faschisten sie ja eingeladen hatten. Otto Buchwitz kam. Die Faschisten freuten sich darüber. Sie hatten vor, ihn nicht mehr nach Hause gehen zu lassen. Doch jemand hört von dem Plan, und Otto und einem Genossen gelingt – verkleidet als Graf und Diener – die Flucht.

Durch viele Länder der Erde kommt Otto Buchwitz: zu Fuß und mit der Eisenbahn. Auch mit dem Schiff ist er über die Meere gefahren. Überall hilft er den Arbeitern. Er will auch zeigen, dass nicht alle Deutschen Faschisten sind. Dass nicht alle Deutschen mit Panzern und Flugzeugen in fremde Länder kommen und Menschen töten. 1940 – mittlerweile 60 Jahre alt – wird er gefangen, an Deutschland ausgeliefert und zu vielen Jahren Haft verurteilt. Er wird ausgehungert und geschlagen, aber im Gefängnis hilft man sich untereinander. Der Widerstand formiert sich auch dort und Otto Buchwitz wird von den Gefangenen geachtet. Heimlich bauen die Gefangenen einen Sender und es gelingt ihnen, Kontakt zu den sowjetischen Soldaten aufzunehmen. Sie wissen, dass die Nazis diesen Krieg verlieren werden und schöpfen neue Hoffnung.

Der 27. April 1945 war für Otto Buchwitz ein besonderer Tag, er wurde 66 Jahre. Aber es war auch der Tag der Befreiung durch die sowjetischen Soldaten. Die Zeit des Aufbaus war beschwerlich, Otto Buchwitz wurde Minister und hatte oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Doch er wusste auch die sowjetischen Genossen an seiner Seite. Langsam ging es wieder aufwärts und wenn er heute auf die DDR sah, war er stolz auf das, was alle gemeinsam geschafft hatten. Jedes Kind konnte sorglos in die Zukunft schauen, keiner musste Hunger leiden, jeder hatte eine Wohnung, Arbeit und ein Recht auf Bildung.

Jürgen war auf seinen Urgroßvater an diesem Nachmittag ganz besonders stolz.

  • Kinderbuchverlag Berlin 1961
  • Die kleinen Trompeterbücher, Band 19

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