Fritz Hofmann (Herausgeber): Phantom der Angst – 33 Erzählungen aus Deutschland und Österreich 1933-1945 – Band 1

In den hier vorgelegten 33 Erzählungen kommen deutsche und österreichische Schriftsteller zu Wort, die in den verhängnisvollen zwölf Jahren von 1933 bis 1945 in ihrer Heimat blieben. Darunter befanden sich Autoren von damals bereits internationalem Ansehen wie Ricarda Huch, Gerhart Hauptmann, Ernst Wiechert, Werner Bergengruen, Gottfried Benn und solche, deren entscheidende literarische Entwicklung eben erst begann, wie Elisabeth Langgässer, Luise Rinser, Albrecht Goes, Ernst Kreuder oder Wolfgang Weyrauch. So unterschiedlich wie ihre soziale und weltanschauliche Position und ihr ästhetisches Konzept war schließlich auch ihr persönliches Schicksal. Was diese linksbürgerlichen, liberalen, christlichen oder konservativen Prosaschriftsteller, von denen jeder für sich allein lebte und einige auch für sich allein starben, vereinte, war ihre Haltung gegenüber dem faschistischen Regime, dem sie – manche erst nach anfänglichen Illusionen über dessen wahre Ziele – in einer Position des stillen Protestes und der Verweigerung gegenüberstanden. Versuche vielfältigen geistigen Widerstandes wird der Leser heute, im Abstand eines halben Jahrhunderts, in vielen dieser Geschichten entdecken: als Bekenntnis zur klassischen Humanität des 19. Jahrhunderts, zu der die barbarische Realität der Gegenwart in einem schreienden Gegensatz stand, als Hinwendung zu religiösen Haltungen, als Flucht in die Idylle, ins „einfache Leben“, fern von heroischem Nihilismus und Durchhaltepropaganda, als ein Rückzug ins private, „Allgemein-Menschliche“, als Versenkung in die Geschichte, die zu durchaus unvorteilhaften Vergleichen mit der Gegenwart des Tausendjährigen Reiches und seiner Paladine provozierte. Trotz der schweren, nicht selten katastrophalen Arbeitsbedingungen vieler Schriftsteller, die sich nicht von den Nazis korrumpieren ließen, sind dabei literarisch bedeutsame Werke entstanden: die „Hirtennovelle“ von Ernst Wiechert, die Erzählungen „El Greco malt den Großinquisitors“ von Stefan Andres, „Weiße Nächte“ von Ricarda Huch oder „Der Schuß im Park“ von Gerhart Hauptmann. Andere lassen zumindest ahnen, welchen Schwierigkeiten und Repressalien die Autoren ausgesetzt waren.
Gemeinsam mit den vorausgegangenen Prosaanthologien „Kaisermanöver“, „Weltende“, „Mensch auf der Grenze“ wird der Versuch unternommen, in mehr als 100 Erzählungen von achtzig Autoren ein ganzes Zeitalter deutscher und österreichischer Literatur vom Ausgang des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zu besichtigen.

Der vorliegende Band wird wiederum mit künstlerischen Arbeiten von Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Karl Hofer, Hans Grundig, Otto Nagel, Georg Kolbe, Gerhard Marcks, Alfred Kubin, Karl Rössing, Josef Hegenbarth, René Sintenis, Fritz Cremer, Hans Theo Richter, Herbert Sandberg, Wilhelm Rudolph und anderen ausgestattet.

Verlag der Nation Berlin 1987

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