Vladimir Pozner: Abstieg in die Hölle

„… und wenn ihr diesen Brennesselbusch zertretet, / der ich einst war in einem anderen Jahrhundert, / in einer euch verjährt erscheinenden Geschichte, / erinnert euch nur, daß ich unschuldig war / und daß, genau wie ihr, Sterbliche dieses Tages, / auch ich ein Angesicht gehabt, gezeichnet / von Zorn, von Mitleid und von Freude, / ein Menschenangesicht, ganz einfach.“ Letzte, vielleicht einzige Verse eines unbekannten Franzosen, niedergeschrieben, ehe er in den Gaskammern von Auschwitz umkam. Seine Geschichte und die der unzähligen Opfer – die Statistik spricht von mehr als vier Millionen – ist heute, ein halbes Menschenalter danach, keineswegs verjährt. Nur eine verschwindend geringe Anzahl der aus allen Ländern hierher Verschleppten – Juden, Zigeuner, Widerstandskämpfer, Kommunisten – hat die Hölle von Auschwitz, dieses größte und perfekteste Vernichtungslager der Nazis, überlebt. Einige von ihnen hat der französische Schriftsteller Vladimir Pozner 35 Jahre nach der Befreiung des KZ durch die sowjetische Armee befragt. Ihre Aussagen, kontrastierend mit Tagebuchaufzeichnungen ehemaliger SS-Aufseher, rufen Bilder unendlichen Grauens wach. Die willkürliche Verhaftung, der Abtransport mit ungewissem Ziel, die Ankunft im Lager, die Selektion: wer nach rechts beordert wurde – Kinder, Greise, Kranke -, den erwartete der rasche sichere Tod in der Gaskammer, wer sich in der linken Reihe befand, den erwarteten Hunger, Durst, Krankheit, schwerste körperliche Arbeit, tagtägliche Demütigungen und Bedrohungen, was für die meisten ein langsames, qualvolles Sterben bedeutete. Physische und psychische Marter im faschistischen Lager sollten auch den Menschen im Menschen zerstören: Mut, Hoffnung und Standhaftigkeit. Und doch gab es Gesten der Freundlichkeit, Worte des Trostes, Zeichen von Beistand, Beispiele von Aufopferung und Solidarität und aktiven Widerstand. Wer vermag zu ermessen, welch unsäglicher Kraft es bedurfte, ein Stück Brot zu teilen, ein Lächeln zu spenden, aber wer vermag diejenigen zu verurteilen, die der allgegenwärtigen Todesangst erlagen? Für alle, die den „Abstieg in die Hölle“ erlitten, ist dieses Buch geschrieben, Verpflichtung gegenüber den Toten, mahnende Erinnerung an die Lebenden. Denn, so bekennt Macha, eine der befragten: „Wir durchleben eine schreckliche Zeit, wir erleben immer wieder die gleiche Gefahr, und das ist so lebendig in unserem Geist, in unserem Herzen, das kann immer wiederkommen.“

Verlag Volk und Welt Berlin 1985
Aus dem Französischen von Ortrud und Bernd Schirmer

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