Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle

Vielleicht ahnt mancher gar nicht, welcher Art die Gedanken sind, denen Daudet in einer alten, unbenutzten Mühle im Lande der Tamburine und des Muskatellers, umgeben vom Gesang der Meisen und Grillen, nachhing und welch reizvolle Gebilde diesem Träumen entsprangen. Schwankhaft, derb, volkstümlich, saftvoll und plastisch sind die Geschichten von der nachträglichen Mauleselin des Papstes, vom sündenanfälligen Pater Gaucher, vom trefflich wortgewaltigen Pfarrer von Cucugnan, von den drei Stillen Messen. Doch oft wird die Heiterkeit von leiser Wehmut abgelöst, sobald von guten alten Käuzen wie dem Windmüller Corneille die Rede ist oder von dem erblindeten Bixiou, der ein Leben lang das wohldosierte Gift seines Sarkasmus verspritzte und in dem doch ein menschliches Herz schlägt…

Ja, selbst tiefe Tragik blitzt für Augenblicke auf: vor der Leiche Jans, des unglücklichen Liebhabers, und im Antlitz des Scherenschleifers von Beaucaire, mit dessen Weib es noch ein böses Ende nehmen wird.

Feingewoben, wie durftige Schleier, die der Dichter ewigen Wahrheiten überwirft: die gleichnishafte Erzählung vom Tod des Dauphins, von den Ziegen des Herrn Seguin, vom Mann mit dem goldenen Gehirn. Und wer nicht ergriffen ist vom Geheimnis jener verfallenen Schenke an der staubigen Landstraße von Nimes oder von dem Wunder, das einem schwergeplagten Unterpräfekten in der Gesellschaft von Grasmücken und Grünspechten geschieht – der hat einfach keine Poesie im Leibe!

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig
Illustrationen: Hanns Georgi

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