Dietrich Simon: 41 österreichische Erzähler

Was einem geschehen kann, der glaubt, endlich alle Fäden in der Hand zu halten, erzählt Michael Scharang. Manfred Chobot berichtet von regelrechten Machtkämpfen auf der Straße, per Auto und von Mann zu Mann ausgetragen. Suggestiv wird Jutta Schutting in die tragische Geschichte eines Kindes hineingezogen, während Peter Rosei fast nüchtern den Hergang eines Verbrechens rekapituliert. Peter Henisch geht den Lebensspuren eines Wiener Originals nach, die sich irgendwo im Ungewissen verlieren, und der junge Autor Josef Haslinger erzählt davon, wie wehrlos Durchschnittsbürger selbst bei der Wohnungssuche sein können.
In all diesen Geschichten und überhaupt in den nahezu sechzig Beiträgen des vorliegenden Bandes geht es um zugespitzte Situationen und extreme Charaktere. Wie der Herausgeber in seinem Nachwort skizziert, reicht diese besondere Konstellation tief in die Geschichte Österreichs und seiner Literatur zurück. Der Versuch, erstarrte Verhaltensnormen durch Sprachkritik aufzubrechen, wie ihn beispielsweise Werner Kofler, der Südtiroler Norbert C. Kaser oder Thomas Bernhard eindrucksvoll unternehmen, die Schaffung des individuellen künstlerischen Sprachbewußtseins, die Ernst Jandls wenige Prosatexte wie seine Lyrik auszeichnen, stehen ebenso produktiv in der österreichischen Literaturgeschichte wie der souveräne, oft spielerische, oft aber auch hintergründig herausfordernde Umgang mit kultureller Tradition, der die Arbeiten von Friederike Mayröcker, H. C. Artmann oder Barbara Frischmuth prägt.
Doch bei aller Fortsetzung hebt sich diese neueste österreichische Literatur, die hier mit Texten seit 1975 vorgestellt wird, zugleich entschieden von der Tradition ab. Besonders die jüngeren Autoren reagieren unmittelbar auf die Krise der kapitalistischen Gesellschaft, das Thema Ausbeutung wird einbezogen, etwa bei Dietmar Füssel, und die Einsamkeit des einzelnen, besonders von Frauen, wird als Ausdruck sozialer Repressionen interpretiert. Angesichts dieser Entwicklung gewinnt ein Vers von Ingeborg Bachmann, der wie ein Motto fast alle Erzählungen verbindet, ganz neue, gesellschaftlich konkrete Bedeutung: „Doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.“

Verlag Volk und Welt Berlin 1983
Erkundungen

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