Juri Trifonow: Ungeduld

Wie ein schrecklicher, warnender Schatten lastet die Erinnerung an die anarchistischen Gewalt- und Betrugsmethoden Netschajews auf den russischen Revolutionären der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Hatte doch die Losung dieses „Macchiavelli der russischen Revolution“, daß alle Mittel im revolutionären Kampf erlaubt seien, zur Ermordung eines eigenen Genossen und zur sektiererischen Isolierung geführt. Dennoch entscheiden sich Andrej Sheljabow und das ganze Exekutivkomitee der „Narodnaja Wolja“ 1879 aus Gewissensnot und aus Notwehr für die Taktik des perspektivlosen individuellen Terrors. In heroischer Selbstaufopferung werden sieben Attentate auf Alexander II. unternommen, ehe es am 1. März 1881 gelingt, den Zaren zu töten. Trifonow gestaltet diese dramatischen Ereignisse historisch-dokumentarisch genau und psychologisch tief lotend. Der forschende Blick des Künstlers richtet sich jedoch in erster Linie auf die vielfältigen Ursachen der revolutionären Ungeduld sowie auf deren politische, ideologische und sittliche Folgen; untersucht wird die Frage: Wie konnte es geschehen, daß die damaligen russischen Sozialisten plötzlich von der revolutionären Arbeit unter den Massen, von der Volksrevolution zum individuellen Terror übergingen und schließlich sogar zu netschajewschen Methoden Zuflucht nahmen?

Verlag Volk und Welt/Kultur und Fortschritt, Berlin 1975
Buchclub 65

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