Ernest Hemingway: 49 stories – 2

Gut schreiben heißt die Wahrheit schreiben. Wenn sich jemand eine Geschichte ausdenkt, hängt ihre Wahrheit von seiner Lebenskenntnis und seinem Gewissen ab. Wenn er sich etwas ausdenkt, so muß es sein, als gäbe es das wirklich. Wenn er nicht weiß, was in den Köpfen vieler Leute vorgeht und was sie tun, wenn sie etwas tun, so kann er vielleicht eine Weile Glück haben, oder er schreibt aus der Phantasie. Aber wenn er fortfährt, über Dinge zu schreiben, von denen er nichts weiß, wird er merken, daß er ein Fälscher ist. Nach ein paar Fälschungen wird er nie mehr ehrlich schreiben können… Wenn man etwas beschreibt, was gerade jetzt erst geschehen ist, hilft die Erlebnisnähe den Leuten, es sich vorzustellen. Einen Monat später ist diese Wirkung nicht mehr vorhanden. Der Bericht ist verflacht, und keiner erinnert sich mehr oder malt es sich aus. Wenn Sie das Ereignis dagegen ,machen‘ und nicht bloß beschreiben, wenn Sie es wahr machen, dann entsteht etwas Rundes und Festes und Ganzes, das anfängt zu leben. Es ist ,da‘, nicht beschrieben. Es ist so wahrhaftig da, wie Ihre Fähigkeit, es wahr zu machen, und Ihre Kenntnis ausreicht…
                                                                                                        Ernest Hemingway

Abbildung: Pablo Picasso „Das Journal“ (Ausschnitt)
TdW Taschenbibliothek der Weltliteratur
Aufbau-Verlag 1977
Übersetzung: Annemarie Horschitz-Horst
Nachwort: Karl-Heinz Schönfelder

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