Erich Loest, Swallow, mein wackerer Mustang

Swallow

 

In den letzten Tagen habe ich mal wieder meiner „Karl May Lust“ gefrönt und die bemerkenswerte Biographie „Swallow, mein wackerer Mustang“ von Erich Loest gelesen. Nun muss man weder über May noch viel über Loest reden. Beide sind bekannt und es gibt auch „keinen neuen Wahrheiten“ zu berichten. Es gibt nur neue und andere Sichtweisen. Ob nun Karl May Hochliteratur ist oder nicht, ob seine Werke anspruchsvoll, sittlich rein und politisch korrekt sind oder auch nicht, ob die Hochstapeleien eines Träumers eine bahnbrechende Erfindung eines Genies waren oder nicht und ob es besonders wichtig ist, ob Karl May latent homosexuell war und wie er seine zwei Ehen geführt hat – diese Geschichten und Hintergründe sind Erich Loest nicht so wichtig, als dass er ihnen in diesem Buch viel Raum gibt. Ihn interessierte wohl zunächst, wie sich da einer konsequent aus einem unerträglichen Milieu hinausgeträumt hat: die Geburt der Literatur aus dem Geiste des Knasts. Dann aber fügte sich die Episode in einen größeren Zusammenhang. Es ist das Leben eines Mythomanen, der sich in einen heillosen, tragikomischen Kampf zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Lügen und Tatsachen verstrickt. Schon früh entdeckte Karl May jenen verlockend einfachen Fluchtweg, der versprach, ihm die Unzuträglichkeiten und Gemeinheiten des Lebens leichter zu machen: die kleine Retusche – die sich dann selbständig macht und erdrückend auf ihn zurückfällt. Schwindeleien verbauten ihm die bürgerliche Existenz. Am Tiefpunkt entdeckte er in der Literatur jenes Medium, in dem man ungestraft schwindeln kann, das einem sogar ein Leben in der zwielichtigen Randzone der Bürgerlichkeit ermöglichen kann, mehr noch, das entgegenkommend und nachgiebig dem Ich jede Verwandlung gestattet: Da kann es gütig und stark und schlau sein, und warum nicht gar, im Kostüm eines Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi, der Gütigste, Stärkste und Schlaueste aller Sachsen, unter dessen Faustschlag die bösen Feinde reihenweise zu Boden gehen? So erfindet er sich eine Welt, die er als chronischer Sieger durchreist, und er kommt damit tatsächlich zu Geld und Ehren. Aber seine Leser verlangen, dass das alles wahr sei, und fast glaubt er es ja selbst, vielleicht sogar ganz und gar. So kommt es zu jenen monströsen Prozessen, die ihm sein letztes Lebensjahrzehnt verdorben haben. May will verhindern, dass seine kriminelle Vergangenheit bekannt wird, und bewirkt nur, dass zu den unwiderlegbaren Beschuldigungen auch noch frei erfundene hinzukommen; er will die Urheberschaft an seinen frühen Kolportageromanen, in denen es als „unsittlich“ interpretierbare Stellen gibt, sowohl abstreiten aber sich auch gleichzeitig anerkannt wissen. Er muss seine imaginären Abenteuer als wahr ausgeben und noch im Alter die Strapazen einer, wenn auch nur touristischen Orient- und Amerikareise, erdulden und auf sich nehmen. Und dabei liegt ihm schon gar nichts mehr an seiner Reiseschriftstellerei, die er da im echten Schweiß seines Angesichts nachträglich zu bewahrheiten meint. Er ist über diese Phase hinaus, unterwegs zum „Idealen“, zu einer so naiven wie gutgemeinten symbolistischen Weltverbesserungsliteratur. Hoffnungslos sind Dichtung und Wahrheit verknotet, seine Kraft ist verbraucht, ein gebrochener und kranker, geplagter und gütiger alter Mann dämmert müde, in den Tod. Loest zeigt, wie verlockend einfach und wie gefährlich es ist, den pubertären Phantasien nachzugeben. Er lädt mit seinem intelligenten Buch auch zum Nachdenken über Mays Ruhm ein. Sehr interessant ist es, Karl May in den verschiedensten Zeitepochen zu sehen, wie er interpretiert und herausgegeben wurde.

Hans-Georg Fischer, Naumburg

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