Waldemar Spender: Als Flups kleiner wurde

Als Flups kleiner wurde

Buchvorstellung von Anna Robert

„Als Flups kleiner wurde“ von Waldemar Spender erschien 1972 in der Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“. Da ich dabei bin alle Trompeterbücher auch vom Inhalt her zu erfassen, stieß ich auch auf dieses Buch. Es ist ein Kinderbuch, aber es hat mich berührt und auch nachdenklich gemacht.

Flups – sein richtiger Name ist Peter – ist ein neunjähriger, aufgeweckter Junge. Früher waren Flups und seine Eltern eine fröhliche Familie. Der Vater hat ihm immer zugezwinkert und die Mutter hat mit Flups gesungen. Dann verändert sich alles: Flups Mutter beginnt ein Fernstudium, sein Vater arbeitet ständig. Als das Fußballspiel ausfallen muss, weil keiner Zeit hat, nimmt Flups es hin. Mutti muss fürs Fernstudium lernen, Vatis Arbeit ist wichtig. Nun würden sie also auch nicht gemeinsam in den Urlaub fahren. Flups war aus dem Zimmer gerannt und hatte geweint.
Als er das Zimmer wieder betreten will, hört er ein Gespräch der Eltern, dass ihn noch trauriger macht. „Er ist doch ein großer Junge, er muss das verstehen!“, meint sein Vater. „Er versteht es nicht“, sagt Mutti, „wie ich nicht die Sache mit der Kalmann verstehe, nein, Herbert, das nicht!“ Flups merkt, dass seine Mutter weint. „Ist doch alles erfunden. Unser Verhältnis, die Sache,— alles rein kollegial.“ Flups begreift plötzlich, wie ernst die Sache ist und er hat Angst. Angst um seine Familie! Wieder kommen ihm die Tränen und als er in den Spiegel sieht, war er plötzlich geschrumpft…ganz klein kommt er sich vor.

Dieses Buch erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, dessen Eltern eine Ehekrise durchleben. Ich – selbst ein Scheidungskind – fühlte mich in die Zeit zurückversetzt, als ich erkennen musste, dass sich meine Eltern trennen werden.
Flups fühlt sich allein gelassen und als er dann auch noch seinen Vater und Fräulein Kalmann zusammen sieht, verliert er jede Hoffnung. Onkel Konrad – der Bruder seiner Mutter – erweist sich als Freund. Ihm erzählt er alles: Von den Ferien, die ausfallen sollen, von den Dienstreisen, von Mutti, die geweint hat, und von Fräulein Kalmann, die so fürchterlich hässlich sein muss.
Was macht ein Kind, dass keinen väterlichen Freund hat? Trägt es solche Konflikte allein aus? Als der Onkel das Treffen kurz nach der Unterhaltung abbricht, weil er in „Heinemanns Bierstuben“ will, sieht Flups, dass Onkel Konrad nicht in die richtige Gasse einbiegt, wo „Heinemanns Bierstuben“ sind, sondern nach links geht. Lügen alle Erwachsenen? Vati lügt. Mutti schweigt, wo es nötig wäre, zu reden; das ist genauso. Onkel Konrad lügt auch. Dass Onkel Konrad schwindelt, ist besonders gemein…hat er sich ihm doch anvertraut.

Flups wird auch in der Schule schlechter. Der Lehrer macht sich Sorgen, aber was soll Flups ihm sagen, wenn er fragt, was mit ihm los ist? Der Lehrer zeigt Verständnis. „Ich war bei deiner Mutter und ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist.“ Er streichelt Flups über den Kopf. Er soll den Mut nicht verlieren, aber auch er scheint ratlos.
Flups will seinen Eltern einen Brief schreiben, aber er findet nicht die richtigen Worte. Auch Frau Urschel – eine Frau, die im selben Haus wohnt – macht sich Sorgen um Flups. Als der nach Hause kommt hört er die Stimme des Vaters: „Ich verbitte mir, dass sich fremde Leute da einmischen!“ „Konrad ist mein Bruder“, sagt Mutti. „Dass er dir neuerdings als ein Fremder erscheint, ist kein Wunder! Dir sind ja alle Menschen fremd, die sich um uns Sorgen machen. Ich bin dir fremd; sogar der Junge ist dir fremd, alles…“ Flups Lage scheint immer aussichtsloser. Er weint und läuft zu seiner Mutter, die ihn fest an sich presst. Der Vater will Verständnis, schließlich sei Flups ein großer Junge. „Nein“, brüllt Flups, „ich bin nicht groß. Ich bin klein. Ich bin ein Kind!“ Dabei hat er Mutti lieb und Vati auch. Wie beklemmend muss es für ein Kind sein, sich entscheiden zu müssen?

Liest er ein Märchen wäre er gern ein Prinz, der die verzauberten Eltern durch seine Güte und Energie wieder zusammenbringt. Doch er begreift langsam, dass es bei den Erwachsenen nicht stets so gut ausgeht wie im Märchen.
Eines Tages findet er einen Zettel: Lieber Flups! Die Erwachsenen haben es manchmal auch nicht leicht. Ich wollte Dir und Mutti nicht weh tun. Vati
Er begegnet auch Fräulein Kalmann. Als er sieht, dass sein Vater sie begrüßt, will er am liebsten wegrennen, aber er bleibt stehen. Der Vater stellt Fräulein Kalmann und Flups einander vor, aber als sie Flups die Hand geben will, steckt dieser sie in die Hosentasche. „Wie alt bist du denn?“ fragt das Fräulein. Flups schweigt. „Warum haben Sie ihn nicht mal mitgebracht, Herr Pagel? Warum holt er sie nicht mal vom Betrieb ab?“ Der Vater druckst. „Die Versammlungen und so. Die Arbeit bis in die Nacht“, sagt er, „du weißt ja.“ Fräulein Kalmann schaut auf Flups. „Aber ob das richtig ist, Herr Pagel?“ Ist sie vielleicht doch ganz nett?
Als er das nächste Mal bei Konrad ist, erklärt dieser Flups, warum er einen anderen Weg ging und Flups ist erleichtert: wenigstens Konrad hat ihn nicht belogen. Es ist beinah, als sei er wieder ein Stück gewachsen. „Fräulein Kalmann ist nett, was?“ Flups sieht seinen Onkel an. Der zuckt mit den Schultern. Und wenn die Kalmann nun zu Vati auch so nett ist…und woher kennt Konrad sie überhaupt?

Ich will das Ende nicht vorwegnehmen, doch dieses Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wie geht ein neunjähriges Kind – ein Kind überhaupt – mit so einer Situation um? Kann man helfen? Wie kann man helfen? Muss es sich zwischen Vater und Mutter entscheiden? Ich halte dieses Buch für überaus gelungen. Ich ärgere mich nur, weil ich es nicht eher entdeckt habe.

Kinderbuchverlag Berlin
Die kleinen Trompeterbücher, Band 90

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