Jens Bahre: Der stumme Richter

 

Der stumme Richter
Wer kann sich noch erinnern? An die Obstbäume am Rande von Chausseen. Wo man oftmals die Äpfel oder Birnen gepflückt hat, wenn sie noch gar nicht richtig reif waren und man dann mit den Folgen zu kämpfen hatte.
Hier sind es ein Junge und ein Mädchen; er sitzt oben im Baum und sucht ihr einen besonders schönen Apfel aus. Sie freuen sich darauf, sich nachher irgendwo im Dorf auf eine Bank zu setzen und so viele Äpfel zu essen, bis sie nicht mehr können.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Ein Pkw kommt heran und reißt das Mädchen mit sich. Ein Mann und eine Frau steigen aus, schauen nur, diskutieren. Der Mann sorgt dafür, dass die Frau wieder einsteigt und sie brausen davon.
Der Junge sitzt oben im Baum und bringt vor Entsetzen keinen Ton heraus, bis das Mädchen wenige Minuten später von zwei Lastwagenfahrern gefunden wurde…

Jahre später.

Brigitte und Günter Perlbach stehen vor den Scherben ihrer Ehe. Während er noch glaubte, dass sich alles wieder einrenken würde, präsentierte sie ihm einen Liebhaber. Das war demütigend. Wie konnte sie nur. Das, was sie war, war sie nur durch ihn geworden.
Er schlug einen Urlaub vor, eine Fahrt auf die Insel Hiddensee. Vielleicht lässt sich ja doch noch etwas retten. Doch Brigitte spricht kaum mit ihm, lässt schon gar keine Nähe zu. Aber sie beschlich die Ahnung, einen Fehler gemacht zu haben.
Auf der Rückfahrt dann, sie standen an der Reling, waren allein an Deck, gab es das alles auslösende Gespräch. Und dann, innerhalb von Sekunden hatte er sie über Bord geworfen. Und Brigitte konnte nicht schwimmen.

Als Leser wissen wir zwar, wer der Täter ist, aber die Mordkommission tappte noch Wochen später im Dunkeln. In Brigittes Betrieb erfuhren sie nur Gutes über sie, ihr Mann kam aber nicht gut weg. Er solle ihr das Leben zur Hölle gemacht haben. Dagegen äußerte man sich in Günters Firma nur lobend über ihn.
Doch was geschah nun? War es Mord? Oder doch ein Unfall? Und wo ist die Leiche abgeblieben? Oder lebte die Frau sogar noch und wollte ihrem Mann eins auswischen?

Nach mehr als vier Wochen schien sich Perlbachs Leben wieder zu normalisieren. Die Kollegen nahmen Rücksicht, besprachen in seiner Gegenwart keine familiären Probleme, und er begann, sein Leben in seinen vier Wänden zu genießen.
Eines Tages schob ihm jemand eine Zeitschrift durch den Türschlitz, auf dem auf dem Cover Brigitte zu sehen war. Am selben Tag fand Perlbach einen weißen Zettel unter einem seiner Scheibenwischer.
In einem Kaufhaus sah er Theuerkauf, den Liebhaber von Brigitte, und wollte ihm hinterherspionieren, von einer fremden Bank kamen an Brigitte adressierte Kontoauszüge.
Eines Tages fand er in Brigittes Dunkelkammer Fotos, von sich und diesem Theuerkauf, und – Perlbach blieb fast die Luft weg – Brigitte schwimmend im Wasser.

Leutnant Motz ist der einzige, der nicht an einen Unfall oder Selbstmord von Brigitte glaubt. Er hat so ein Gefühl und er traut Perlbach keinen Steinwurf entfernt. Sein Chef Beeskow traut dem zwar auch nicht, aber er weiß nicht so recht. Die Indizien scheinen alle klar: Bettina war alleine an Bord, es war stürmisch und nass – beste Vorraussetzungen für einen Unfall. Auch die einzige Zeugin, die Brigitte gesehen haben will, sagte, sie wäre alleine. Perlbach wurde derweil unter Deck gesehen.
Und dann finden sie die Sache mit Brigittes Konto heraus. Zugriff darauf hat auch noch ihr Geliebter Theuerkauf. Was aber kein Motiv sein kann, denn wenn kein Testament existiert, in dem etwas anderes steht, dann ist Perlbach der Erbe des Guthabens: immerhin 12.000 Mark.

Perlbach scheint nun anfangen zu wollen, sich in seinem Leben ohne Brigitte einzurichten. Karin, er war vor Brigitte eine Zeit mit ihr zusammen, meldete sich, ob man sich nicht mal wieder treffen könnte. Warum nicht, und so lud er sie zum Camping übers Wochenende ein. An den Plessensee.

Andreas – tja, wer ist das nun – sein Leben verläuft sehr unruhig. Sein Studium und das Diplom hat er in der Tasche, bereitet sich auf die neue Arbeit vor. Die Mutter ist enttäuscht, dass er so schnell wieder weg will, verweist auf die Freundin, mit der er abends ausgehen wollte. Diese glaubt ihm nicht, dass es nicht um eine andere Frau geht, jedenfalls nicht so, wie sie das denkt. Doch Andreas kann nicht anders. Er muss den nächsten Bus von Stralsund weg bekommen.

Perlbach derweil freut sich auf das kommende Wochenende, das er auf seiner Datsche verbringen will. Mithilfe eines Psychiaters hat er gelernt, die negativen Gedanken beiseite zu schieben. Wenn Brigitte sich in seine Gedanken schlich, dachte er an positive Dinge. Was solls, es gab noch mehr Frauen. Das dumpfe Gefühl, das manchmal auftauchte, ließ sich verdrängen.
Und so verdrängte er auch die Gedanken an seine Schuld, die er auf sich geladen hat und vergaß sie fast.
Voller Vorfreude kam er an seinem Wassergrundstück an. Als er um das Häuschen rumging zur Eingangstür, blieb er wie angewurzelt stehen. Neben der Tür hing an einem Haken für Blumentöpfe ein Rettungsring…

Der stumme Richter. Psychogramm eines Mörders erschien 1979 im Verlag das neue Leben, Berlin.
Meine vorliegende Ausgabe ist die 4. Auflage desselben Verlages von 1990

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5 Kommentare zu „Jens Bahre: Der stumme Richter

  1. Delikte – Indizien – Entwicklungen
    Eine sehr spannende und realistische Krimiserie, welche man heute suchen muss! Die Themen waren vielseitig und wenn man den „guten Volkspolizisten“ und den manchmal belehrenden Ton etwas weniger beachtet, echt gut geschriebene Bücher.

    Gefällt 1 Person

    1. Und beides empfand ich hier jetzt gar nicht im Vordergrund, Georg. Es ging wirklich um den Mörder. Und es war sehr spannend zu lesen, wie er so langsam mürbe wurde. Was mir ein wenig gefehlt hat: Ich hätte mir von seinem Gegenspieler ein wenig mehr gewünscht. Der kam hier irgendwie zu kurz.

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